Medienkunst von Studierenden der Humboldt-Universität
Mittwoch, 15.07.2026, 18:15 Uhr // Medientheater // Georgenstr. 47, 10117 Berlin
In den vergangenen Jahren haben sich eine Reihe medialer Verfahren etabliert, die das tägliche Leben festhalten, vermessen und archivieren — ob als Tracking der Fitnessroutinen oder Schlafrhythmen, als stetig wachsendes Bildarchiv der Fotogalerie oder als algorithmisch kuratierter Social-Media-Feed. Die lang etablierte Praxis des Tagebuchschreibens verlagert sich ins Digitale. Dabei ist auch heute das Festhalten des Alltäglichen eine zentrale Technik der Selbstsorge und -formung. Was macht unseren Tag zu einer Erinnerung? Wie interpretieren wir Geschehenes, wie erzählen wir davon — und durch welche Medien erzählen wir, welche erzählen durch uns?
Earwitness: The Sound of What Is Always There
// von Nena Nezamabadi //
Aus den täglich auf einem iPhone aufgenommenen Geräuschen entsteht ein persönliches Klangprotokoll. Vertraute Situationen werden in akustische Fragmente zerlegt, die sich neu ordnen — ein akustisches Tagebuch, das den Alltag als Rhythmus hörbar macht.
Table Manners
// von Zoë Janus //
Füttern und Essen — den immer gleichen Ablauf im Leben von Mensch und Kater beobachtet dieses Video. Die Protagonis:innen folgen Senecas Forderung, sich so zu verhalten, "als ob wir unter Beobachtung lebten". Die Kamera wird zum Überwachungsdispositiv, ihr Blick verändert das Bewusstsein. Unterlegt mit einem Text von Rilke über die Geduld, dier hier niemand hat.
Zwischen Erinnerung und Erfindung
// von Ginka Blöchlinger //
Anhand eines scheinbar gewöhnlichen Tages in Berlin hinterfragt das Videoprojekt die Glaubwürdigkeit des Mediums Bild im Zeitalter generativer KI. Was wie ein dokumentarischer Blick auf einen banalen Alltag wirkt, entpuppt sich zunehmend als künstlich erzeugte Realität, in der die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verschwimmen. Wenn jedes Bild authentisch wirken kann, ohne jemals Realität gewesen zu sein, stellt sich eine grundlegende Frage: Woran können wir noch glauben?
Neue Nachricht
// von Esther Jacobs, Agnes Schanelec & Djamilla Seck //
Zwischen persönlichen Sprachnachrichten und Ausschnitten aus Radionachrichten entfaltet sich der Alltag einer Person. Die Videoaufnahmen wechseln zwischen Bewegung und Stillstand und lassen private Momente auf das aktuelle Weltgeschehen treffen. So entsteht ein audiovisuelles Tagebuch, das die Gleichzeitigkeit von persönlichem Erleben und medial vermitteltem Weltgeschehen erfahrbar macht.
Geschlossene Gesellschaft
// von Katharina Köth //
Bei Sartre ist die Hölle ein abgeschlossenes Zimmer, aus dem es kein Entkommen gibt. In dieser interaktiven Installation ist sie ein TikTok-Feed, durch den man blinzelnd scrollt — begleitet vom immer gleichen Sound: Er entsteht und wird populär; er wird kopiert, rekontextualisiert und unterwandert. Die Installation zeichnet nach, wie ein Ohrwurm zum Medium politischer und kommerzieller Botschaften wird.
How Sweet the Salt
// von Laura Denndorf //
Die Dichterin Sappho lebte in der Antike auf einer kleinen griechischen Insel namens Lesbos. Ihre sapphischen Gedichte führten nicht nur dazu, dass Lesben Lesben genannt werden, sondern auch dazu, dass queere Menschen auf die Insel reisen, um unter ihresgleichen zu sein. Dieser Kurzdokumentarfilm fängt das Gefühl von Zugehörigkeit ein. Gedreht beim Queer Ranch Festival 2026 in Skala Eressos, Lesbos. Über lesbische Identität, Gemeinschaft und das Gefühl, die Norm zu sein.
Mensch+Maschine=Selbstportrait. Tagebuch (in) einer Fotokabine
// von Melanie Franz //
Ich will fotografiert werden. — Ich will dir in vier Bildern erzählen. — Ich will mit dieser Maschine spielen. Ich will sie hören, sehen, fühlen. — Ein Fotoautomat wird zum Akteur, und die Begegnung mit ihm verdichtet sich zu einem audiovisuellen Journal. Im Zusammenspiel von analoger Fotografie, Klang und Video entsteht eine medienwissenschaftliche Reflexion über Erinnerung, Selbstinszenierung und das Tagebuch als mediale Praxis.
Dreamscore
// von Pia Ihringer, Gretha Leichnitz & Olivia Weber //
Eine Nacht vergeht. Acht Stunden Schlaf, in denen verschiedene Bewusstseinszustände ineinandergreifen. Wenn wir träumen, driften wir durchs Chaos und verlieren uns in verzerrten Realitäten. Kurz nach dem Erwachen löst sich der Traum auf. Wir erinnern uns vielleicht an eine Insel in der Luft oder an gezüchtete Käfer. Die Smartwatch hingegen speichert Daten: Tiefschlaf, REM-Phase, Herzfrequenz. Zwischen Sleepscore und Träumen bleibt der Dreamscore.
Sounds of the Sky
// von Violeta Trijueque Falgas //
Der Tag, ein weiterer Tag, Menschen, die in einem Park reden, auf der Terrasse einer Bar. Die Sonne, die scheint, die Wolken, der dunkle Regen, der dunkle Himmel. Die U-Bahn, der Zug, das rote Licht und die Geräusche der Kraftfahrzeuge. Ein Vogel, eine Fliege, ein Flugzeug, die Stille. Der blaue, violette, orangene und rosa Himmel: der Sonnenuntergang. Der Regen, unzählige Wolken. Die Geräusche des Alltags, die abstrakten Gestalten am Himmel. Immer wieder und wieder. Sind wir noch in der Lage, einen Moment innezuhalten und die Augen zum Himmel zu heben?
Wiedergeboren
// von Stella Leyers //
Ausgehend von den Tagebucheinträgen Susan Sontags aus den Jahren 1947 bis 1963 wirft diese Videoarbeit die Frage auf, was passiert, wenn ein Hund zum Protagonisten von Sontags Gedanken wird.
Sounds of Daysleep
// von Max Fritz //
An fünf aufeinanderfolgenden Tagen wurden Powernaps mit einem Mikrofon aufgezeichnet. Auf diese Weise ist eine Sammlung alltäglicher Klänge entstanden, die zu fünf eigenständigen Kompositionen verdichtet wird — jedes der Musikstücke beschränkt sich auf die Sounds, die am jeweiligen Tag aufgenommen wurden. In einer Live-Performance werden die akustischen Tagebucheinträge neu zusammengesetzt.
Leitung: Dr. Florian Leitner
Technische Einrichtung: Erik A. Reinhardt
Plakat: Stella Leyers
Dauer: ca. 75 Minuten